25-jährige bestehen

25 Jahre Bündner Gehörlosenverein 1947-1972


In diesem Jahr feiert unser Verein seinen 25. Geburtstag.


Dieses schöne Jubiläum ist nicht selbstverständlich. Hinter diesen 25 Jahren versteckt sich sehr viel Arbeit. Arbeit von Gehörlosen und auch viel Arbeit von hörenden Freunden unseres Vereins. Der Lohn für diese Arbeit sind unzählbare frohe und lehrreiche Stunden, die wir zusammen verbringen durften.


Zusammen wollen wir einmal die Geschichte des Bündner Gehörlosenvereins anschauen. Die jüngeren Mitglieder sehen so, wie der Verein langsam gewachsen ist. Die älteren Mitglieder, die schon viele Jahre im Verein sind, können die Erinnerung an die vielen frohen Stunden wieder etwas auffrischen.


Aber wenn ich alle die ungezählten Wanderungen, Ausflüge, Wochenenden und Versammlungen aufschreibe, dann gibt das ein dickes Buch. Denn in unserem Verein war von Anfang an bis heute immer ein reger Betrieb. Darum will ich nur die wichtigsten und interessiertesten Dinge aus der Geschichte der Bündner Gehörlosenvereins aufschreiben.


Seit vielen Jahren bestanden in fast allen Kantonen der Schweiz Gehörlosenvereine. Die Gehörlosen aus dem Kanton Graubünden und aus dem St. Galler Oberland hatten aber noch keinen eigenen Verein. Sie lebten in einem grossen Gebiet vertreut und hatten nicht viel Kontakt miteinander. Viele waren oft einsam und hatten nur wenig Kontakt mit Hörenden.


Herr Georg Meng hatte deshalb 9 Gehörlose zu einer Besprechung nach Landquart eingeladen. Am 11. Juni 1947 trafen sich fünf der eingeladenen Gehörlosen, um die Gründung eines Bündner Gehörlosenvereins zu besprechen. Alle waren einverstanden und wollten einen Verein gründen.


Auch der Bündner Hilfsverein für Taube wollte den Verein unterstützen. Der Schweiz. Verband für Taube hat Fr. 100.- als Gründungsbeitrag gestiftet.


Im Protokoll dieser Zusammenkunft wird auch der Zweck des neuen Vereins beschrieben: "Sinn der Vereins soll es sein, möglichst alle Gehörlosen, vor allem die Einsamen, aus dem hintersten Winkel zu versammeln. Und sie mit Spiel, Gedankenaustausch, Vorträgen und so weiter, wieder zu vollwertigen Menschen heranzubilden, und sie aus ihren trägen, schweren Gedanken herauszuholen."


Am 26. Oktober 1947 fand die Gründungsversammlung der Bündner Gehörlosenvereins in Chur statt. 71 Personen wurden dazu eingeladen, 24 Personen waren im Grabenschlusshaus anwesend. Die erste Aktuarin des Vereins, Trudi Mösle, von Wildhaus, schreibt in ihrem Protokoll dazu: "Es ist nur bedauerlich, dass dieser Ruf zur Gründung des Vereins nicht noch mehr gehört wurde und Interesse fand. Hoffen wir nur, dass alle unsere Bestrebungen doch nicht umsonst sind, und unserem Verein doch immer grösserer Zuwachs bescheiden sei."


Heute dürfen wir sagen, dass dieser Wunsch auch in Erfüllung gegangen ist.


Mit 20 Stimmen wurde die Gründung des Vereins von den anwesenden Gehörlosen beschlossen. Sofort wurde auch der erste Vorstand gewählt: Präsident: Georg Meng, Vizepräsident: Georg Weber, Aktuarin: Frl. Trudi Mölse, Kassier: Noé Lallo; Beisitzer: Frl. Trudi Schweizer und Hans Schröpfer.


19 Personen traten während dieser ersten Versammlung als Mitglieder in den Verein ein, und zahlten auch sofort die ersten Beiträge. Aktivmitglieder zahlten damals Fr. 2.50, Damen Fr. 1.50 und Passivmitglieder Fr. 1.-.


Die erste grosse Reise des jungen Vereins führute mit 30 Personen am 11./12. September 1948 zum Schweizerischen Gerhörlosentag nach Luzern. Begeisterte Berichte über dies beiden Tage sind heute im Protokollbuch unseres Vereins zu lesen. 400 Gehörlose aus der ganzen Schweiz trafen damals in Luzern, und unternahmen auch gemeinsam eine Schifffahrt zum Rütli, dem Geburtsort der Schweiz.


Grosse Freude bereitete die erste Weihnachtsfeier des jungen Vereins im Landquart. Heute ist diese Feier eine feste Tradition in unserem Vereinsleben. Jedes Jahr bereitet sie allen Mitgliedern eine grosse Freude, und niemand möchte darauf verzichten.


Mit einem Jahr Verspätung wurde am 28./29. Mai 1949 mit einer zweitägigen Fahrt die Gründungsfeier nachgeholt. Im vorhergehenden Jahr war man lieber an den Gehörlosentag nach Luzern gefahren. Nun führte die zweitägige Reise mit der RhB über St. Moritz ins Puschlav bis hinunter nach Le Prese. Alle Teilnehmer waren von dieser Reise begeistert. Doch für unseren Präsidenten endete die Reise recht traurig. Bei seiner Rückkehr musste er erfahren, dass während seiner Abwesenheit seine Schreinerei zum zweiten Male abgebrannt war.


Im Januar 1950 machte sich die Gruppe "Werdenberg" unseres Vereins selbständig. Die Mitglieder aus diesem Gebiet verbrauchten zuviel Zeit und auch Geld, um die Versammlungen und Veranstaltungen in Chur zu besuchen. Doch im November des gleichen Jahres hörte man bereits, dass sich dieser neue Verein wieder auflösen möchte. Aber dieser Verein überstand diese erste, und auch noch weitere Krisen und besteht heute noch.


Der Geldverkehr des Bündner Gehörlosenvereins wurde immer grösser und komplizierter. So beschloss der Verein an seiner Versammlung im Februar 1951, erstmal Revisoren für die Vereinskasse zu wählen. Gewählt wurde Herr Lehrer Tscharner zusammen mit Josef Lipp. Heute dürfen wir sagen, dass die Mitglieder damals gut gewählt haben. Denn bis heute, 21 Jahre ohne Unterbruch, ist Herr Tscharner unser Revisor. Für seine grosse Arbeit und unermüdliche Hilfe für unseren Verein möchten wir ihm recht herzlich danken. Und wir hoffen auch, dass wir noch lange auf seine Hilfe zählen dürfen.


1952 wurde der Verein fünf Jahre alt. In dieser kurzen Zeit wuchs der Mitgliederbestand von den 19 Gründungsmitglieder auf 75 Aktiv- und Passivmitglieder.


Zu den bestehenden Gruppen Ilanz und Prättigau kam in diesem Jahr die neue Gruppe Albula.


Als erster katholischer Gehörlosenseeloger für den Kanton Graubünden wurde 1954 Herr Spiritual Amstalden bestimmt. Aber auch für die protestantischen Gehörlosen wurden im Kanton Graubünden vier Gehörlosenseelsorger bestimmt, jeder für einen Kantonsteil. Doch der beliebste katholische Seelsorger war nur vier kurze Jahre unser Sellsorger. Kurz vor Weihnachten 1958 wurde er nach längerer Krankheit in die Ewigkeit abgerufen. Sein Nachfolger wurde 1959 Herr Pfarrer Cadruvi, der auch heute immer noch unser katholischer Seelsorger ist.


Das 10-jährige Jubiläum wollte der Verein im Oktober 1957 feiern. Aber eine grosse Grippe-Epidemie verhinderte die geplante Jubiläumsfeier. Sie wurde deshalb auf den Mai 1958 verschoben. In einer einfachen Feier dankte die damalige Vizepräsidentin, Fräulein Jung, Fürsorgerin bei der Pro Infirmis, dem unermüdlichen Präsidenten Georg Meng für seine Arbeit und Mühe für die Gehörlosen. Der Verein zählte in seinem 10. Jahr schon 86 Mitglieder.


Im März 1960 trat die Aktuarin unseres Vereins, Trudi Mösle, nach 13 Jahren ununterbrochener Tätigkeit für unseren Verein zurück. Ihren ausgezeichneten Protokollen und Jahresberichten verdankte ich fast alle Angaben zu diesem Bericht. Ihr sei für ihre Arbeit auch an dieser Stelle nochmals recht herzlich gedankt.


Ihre Nachfolgerin wurde Trudi Krättli, bis auch sie nach ihrer Heirat 1967 dieses Amt abgab.


Im Jahre 1960 trat auch der protestantische Gehörlosenseelsorger, Herr Pfarrer Ragaz, in den wohlverdienten Ruhestand. Herr Pfarrer Grest wurde als sein Nachfolger ebenso beliebt bei den Bündner Gehörlosen. Heute lebt auch er im Ruhestand, aber für die Gehörlosen wirkt er immer noch. Dafür möchten wir ihm herzlich danken.


Im Jahre 1969 wurde in Zusammenarbeit mit Fräulein Jung von der Pro Infirmis für die Sportgruppe ein Samariterkurs (Erste Hilfe) durchgeführt. Alle acht Teilnehmer bestanden die Schlussprüfung und haben viel wertvolles gelernt.


Heute im Jubiläumsjahr zählt der Verein fast 170 Mitglieder, Aktive und Passive. Und an der Spitze des Vorstandes steht immer noch der unermüdliche und unverwüstliche "Vereinspapa" Georg Meng.


Mit Freude und Dank schauen wir heute zurück auf die vielen frohen und lehrreichen Stunden, die er für uns ausgedacht und organisiert hat. Ungezählte Stunden hat er in diesen vielen Jahren für seinen und unseren Verein geopfert. Der freudige Dank aller Mitglieder soll an diesem Jubiläum ein kleiner Lohn sein für alle seine Mühen und Arbeit. Wir hoffen aber auch, dass wir noch lange auf seine wertvolle Führung und Mitarbeit im Vorstand zählen dürfen.


Mit Feude und Zufriedenheit durften wir zurückschauen. Nun wollten wir aber auch noch kurz schauen, wie die Zukunft unseres Vereins aussieht.


Wir haben heute erfreuliche viele junge Mitglieder. Diese Jungen haben mit ihrer Mitarbeit im Vorstand gezeigt, dass sie bereit sind, für die Zukunft gezeigt, dass auch sie eine grössere Aufgabe übernehmen kann, und mit guter Zusammenarbeit diese Aufgabe mit gutem Erfolg lösen kann. Sie hat am 17. Juni in Chur für den Schweizerischen Gehörlosen-Sportverband die 9. Schweizerische Gehörlosenkorbballmeisterschaft durchgeführt. Damit hat sie einen schönen Erfolg gehabt.


Wenn diese Jungen zusammenbleiben, zusammenarbeiten und gute Kameradschaft untereinander haben, dann glaube ich, das unser Verein noch manches Jubiläum feiern darf.


Die bisherigen Ziele unseres Vereins werden auch in Zukunft gleich bleiben: Bildung, Unterhaltung und Geselligkeit für alle Gehörlosen. Dazu werden aber auch neue Aufgaben treten.


Herr Georg Meng hat zusammen mit seiner tüchtigen Frau mit der Gründung eines Altersheimes einen mutigen, zukunfsweisenden Schritt getan. Die bisherigen sehr guten Erfahrungen mit den Pensionären ermutigen uns, den Plan eines grösseren Altersheimes zielstrebiger auszuführen. Es braucht aber noch viel Zeit, Überlegung und Arbeit. Doch sind wir zuversichtlich.


Den Pensionären gefällt es gut in ihrem Heim, und sie freuen sich auf jeden neuen Tag. Darüber wird manches Mitglied später vielleicht sehr froh sein. Daneben sollten wir aber auch den Normalhörenden mehr zeigen, was die Gehörlosen heute können, denn dieses Altersheim ist das erste Heim in der Schweiz, das von Gehörlosen verständnisvoll und absolut selbständig verwaltetet wird.


Wir hoffen, dass wir damit zeigen können, dass das Vorurteil vom "armen Taubstummen" der Vergangenheit angehört. Leider ist dieses Vorurteil unter den Hörenden noch stark verbreitet. Wir wollen aber durch unsere Tätigkeit zeigen, dass wir trotzdem vollwertige und frohe Menschen sein können.


Wir werden eine gute Zukunft haben, eine frohe Zukunft mit Erfolgen und Freuden aller Art, wenn alle Mitglieder mit Fleiss und Freude im Verein mitmachen.


Danken möchten wir aber auch noch allen Hörenden (besonders die Geschwister Batänjer, die viele Jahre für unsere Weihnachtsfeier Geschenkpakete vorbereiteten und heute noch treue Mitglieder sind) die unseren Verein in diesen Jahren unterstützt und mit ihrer freiwilligen Mitarbeit sehr viel geholfen haben. Unser ganz besonderer Dank gilt dem Bündner Hilfsverein für Taube für seine grosszügige Unterstützung und Mithilfe in all diesen Jahren seit der Gründung.


Dieses Chronik widme ich meinem geschätzten Georg Meng, als Dank für seine 25-jährige Arbeit als Gründer und Präsident unseres Vereins, aber auch als Ansporn für noch manche Jahre!